Sein Tod

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Sein Tod

Und der andere Tod.
Wie war der gleich nochmal?
Er liegt so weit zurück, so tief geborgen, so verinnerlicht,
dass ich weit und tief graben, groß und kräftig ausholen muss,
um ihn, den alten Gesellen, wieder aus seinem Ruhestand zu holen,
an die Oberfläche, ans Licht, an den Himmel, der nicht grau
mehr, der bewölkt zwar, aber strahlend ist.

Und so steht er nun vor mir.
Alt ist er geworden, friedfertig und genügsam, seine einst so
scharfen Zähne, von all den Kämpfen gegen der Zeit abgewetzt.
Doch hat er nicht zur Gänze ausgedient, ist nicht völlig
aufgebraucht, nicht wirklich abgelöst. Noch hat er seinen Platz
an dieser Tafel.

Das Funkeln seiner Augen wirkt fahl, doch schaut man tiefer,
lässt man zu, dass sich der Schleier seiner alten Tage allmählig
senkt, so blickt man wieder in das Angesicht des Schreckens,
das ihm gut zu Gesicht stand, das er so gerne und ausgiebig vor
sich herschwang, wie Flaggenträger ihre Kriegsfahnen wehen.
Mit Stolz und ohne Nachsicht.

Wie sehr ich ihn gehasst habe.
Wie laut meine Klagen gegen ihn waren, wie unnachgiebig
meine Fragen, wie drängend mein Verlangen.
Doch dann wurde ich mir seiner leidvollen Aufgabe bewusst,
und es war nicht länger Verachtung, die mich bei seinem
Anblick überfiel, es wurde schleichend zum Verständnis,
zur Erkenntniss und dann schließlich doch zu Dankbarkeit und
Liebe.

So ist es mit den meisten Dingen.
Man sieht sie erst, wenn sie sich wieder zurückziehen, hört sie
erst, wenn sie den Blick wieder senken, die Stimme
verstummen lassen.

Heute ist er mehr wie ein Verwandter, wie ein Freund aus alten
Tagen, als das Schreckgespenst der Jugend.
Hat er mich auf Abwege gebracht? Das ist eines der wenigen,
deren es keine Zweifel mehr gibt, nun, da ich den Zweifel
wieder aus allen Poren schwitze.

Doch nun, mein alter Freund, möchte ich dich nicht mit meinen
alten, lebensmüden Augen sehen, ich will erinnern, wie du mir
den Blick der Kindheit aus der Mitte schlugst.
Du kamst nicht aus dem Nichts.
Du warst das Nichts.
Bliebst nur Momente und ließt nichts als leere Trauer zurück.
Es war das Schwerste dieser Tage diesem Nichts in mir zu
begegnen, es mit Leben aufzufüllen, einen Sinn darin zu sehen.
Zuerst war dort nur Stille.

Nicht die Art der Stille, die mir Freund und Vertrauter wurde,
jene Stille, die feucht und fruchtbar wie die Erde nach dem
Regen ist.

Es war die Stille, die den Weltraum schwarz und dunkel
überzieht, die kein Geruch, keine Materie, die kein Licht in
sich geborgen hält, die alles nimmt, was Leben ist, doch selbst
kein Leben kennt.

Und die Zeit, die Zeit.
Sie war nicht greifbar, nicht zu fassen, lag trüb und träge wie
ein fauler, stinkender Tümpel, den nicht einmal die Sonne in
den Kreis des Lebens trug.
So weiß ich nicht mehr was direkt danach geschah.
Alles war trockener, staubiger Nebel, die Geräusche der Welt
fanden hier keinen Zugang.

Auch Gefühle, die sich immer auf etwas beziehen müssen, die
ihre Kraft nur aus der Verbindung zum Leben, zu den
Lebenden schöpfen, waren dort nicht mehr vorhanden.
Gäbe es eine Hölle, und wäre dort, am Eingang dieser Hölle
ein Vorhof, der den Wartenden den Einlass verwehrt, so wäre
dies der Raum gleich neben ihm, den nie eine lebende Seele
betrat.

Dort fristete ich die ersten, langen, endlosen Tage, Wochen,
Monate…
Es war der Tod, den ich dort suchte, um mich an ihm zu
rächen, doch ich fand nichts, als mich selbst.
Und dann, Hände.

Hände, die sich in das Nichts der Welt senkten, die wie Tau in
ihm niederfielen, mir auf Haupt und Schultern prasselten und
mich wieder hinauf zogen in die Welt der Liebenden und
Lebenden.

Und dann, Verbindungen und Verbindlichkeiten.
Freunde, die mir näher standen, als die Familie, die mich
umkreisten und umkränzten, die mir Halt und Sicherheit gaben,
wo alles andere der Flut wich.

Und Jahre um Jahre danach, Jahre damit und Jahre hindurch.
Von da an ging alles berab, fort von der Kindheit, im Rausch
durch die Jugend und ich sammelte Schwung für den langen
und beschwerlichen Aufstieg.
Und ob ich auch wandere, im finsteren Tal….
Nein, ich wanderte nicht.
Ich schoß durch das Tal, sah kaum rechts noch links, flog durch
die Welt, und es geschah mir in Momenten, dass ich dachte, ich
würde gar fliegen.

Und später dann, das Gipfelkreuz.
Tiefe Ebenen, so weit das Auge sah.
Und das Meer, das mich von allem Leid befreite, in das ich
alles gab, auf das es sich in seiner Weite verliere.
Und das tat es.

Es nahm den Schmerz mit sich, ohne Gehabe, ohne Gewese,
trug ihn in den nächsten Sturm, zerteilte ihn in kleinste Stücke,
streckte ihn im Wasser des Lebens und ließ nur homöopathische
Reste zurück, Dosen, deren Wirkung nur noch tausende eines
Tausendstel betrugen.

Das ich damals in den Fußstapfen meines eigentlichen Vaters
stand, fiel kaum mehr ins Gewicht.
Und dann, der Frieden.
Die Gewissheit, dass auch ich in Kürze sterben werde, sterben
muss. Und Dankbarkeit, die sich regte.

Dankbarkeit dir gegenüber, alter stummer Tod, der du nun vor
mir sitzt, der keine Macht mehr über mich hat.
Du hast mich mehr gelehrt, als jeder von den Lebenden.

Komm, lass uns nicht mehr grämen.
Lass uns dieses eine Mal wie Brüder trinken.
Erzähle mir Geschichten vom Tod und lass dir von mir
Geschichten vom Leben erzählen.
Bald werden wir vereint sein.
Doch an diesem Abend, werden wir uns bereichern,

wie Fremde, die zu Freunden werden.
An diesem Abend werden wir uns beiden einen neuen,
unbekannten Morgen schenken.

Àta santé, mon ami vieux !

 

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