Missachtung

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Missachtung

Zu Zeiten schlafe ich nicht viel.
Ich wache lange und früh wieder auf, werde vom erwartungs-
vollen Treiben des Morgens geweckt.
Die frühen Stunden haben ein besondere Qualität, zumal ich sie
nicht durcheilen und ihrer habhaft werden muss. Ich kann sie in
aller Stille betrachten, kann dabei zuschauen,
wie sie gemächlich an mir vorbeischlendern, mich mit einem
angedeuteten Knicks oder einem flüchtigen Griff an den Hut
im Vorübergehen grüßen.

Es kümmert sie nicht, dass ich als Fremder auf ihrem Marktplatz stehe,
sie sind mir weder zu- noch abgewandt, haben kein
Neigung mich anzusprechen oder hinter meinem Rücken über
mich zu tuscheln. Es sind sehr duldsame, aufrichtige Stunden,
die des Morgens ihrer Wege gehen.
Wenn ich so in der Welt stehe, den unbedeckten Kopf in den
von Schleiern bedeckten Himmel recke, ich der Dunkelheit satt
und des Schlafes müde bin, denke und fühle ich anders, flacher,
als an Tagen oder Abenden, gleicht mein Bewusstsein eher
eines Bachs, denn eines Flusses oder Stroms.
Die drängenden Fragen des Lebens, die mir sonst das süße
Leben versauern, sind noch allesamt verschlafen, lauwarm und
handzahm, halten ihre Krallen noch in fest verschlossenen
Pfoten.

Auch das ist ein Geschenk.
Von der Zeit nicht beachtet zu werden.

 

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